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Um die Rolle der Transidentische Menschen in einer Gesellschaft zu verstehen,
muss man die Rolle der Frau in dieser verstehen. Teil 2

Es reicht nicht, die eigene und anderer Leute Erfahrung zu zerstören. Man muss diese Verwüstung durch ein falsches Bewusstsein überlagern, das (nach Marcuse) an seine eigene Falschheit gewöhnt ist.
Ausbeutung darf als solche nicht gesehen werden. Sie muss als Wohltat gesehen werden. Verfolgung sollte besser nicht als Erfindung einer paranoider Vorstellung abgewertet, sie sollte als Freundlichkeit erfahren werden.
Ronald D. Laing, „Phänomologie der Erfahrung“


R.D.LaingR.D.Laing

Würde ich das bisher, in der letzten Folge gesagte, alleine so stehen lassen über die Rolle der Navajo Frauen so wäre dies nur eine Seite der Medaille. Es wäre so als würde ich das tragen eines Dirndls als typische Bekleidung junger deutscher Frauen benennen. Als würde ich das Leben der Frauen in der gehobenen Mittelklasse Deutschlands, als typisch für das Leben junger und älterer deutscher Frauen bezeichnen.

Was in der letzten Folge beschrieben ist das Bild dessen was ich als das Ideal bezeichnen würde, es ist der traditionelle Stil derer, die gebunden sind in ihrer Tradition und diese Leben können. Aber die Navajo Leben wie alle noch heute existierenden nativen Nationen unter der Herrschaft der dominierenden Kolonisation der weissen kapitalistischen US amerikanischen und kanadischen Gesellschaft. Was bedeutet das? Das alles was wir hier als Aussage machen können als relativ zu betrachten ist. Und in diesem Sinne stimmt die oben gemachte Aussage von Laing auch zur Situation indigener Frauen, aber auch der indigenen Männer in den USA und Kanada.

Den Europäern die in den letzten 5 Jahrhunderten den Nordamerikanischen Kontinent eroberten, und dabei mit unvorstellbarer Grausamkeit eine menschliche Lebensalternative auslöschten, ist es gelungen diesen Völkermord und kulturellen Genozid als romantisches Abenteuer darzustellen. Dank Hollywood und Schriftstellern wie Karl May oder James Fenimore Cooper. Wie ist das möglich? Es ist möglich, weil wir uns selber täuschen, wie Laing sagt:
„Wir in Europa und Nordamerika sind die Kolonialherren. Um unser wunderbares Bild von uns als Gottes Geschenk an die grosse Mehrheit der hungernden Spezies Mensch aufrechtzuerhalten, müssen wir unsere Gewalt nach innen richten auf uns und unsere Kinder.“

Und dies tun wir indem wir die Wahrheit des Völkermordes zur Heldensage des Westerns, des Cowboys und des Trappers verwandeln, und dabei den indigenen Helden am Ende der Geschichte Edel sterben lassen. Siehe Uncas den letzten Mohikaner, Winnetou den Häuptling der Apachen. Denn was solle er in der nun neuen aufziehenden Welt des amerikanischen Kapitalismus? Er ist so überflüssig wie die sich selbstbestimmende indigene Frau. Die ebenfalls bei den meisten indianischen Nationen in der Erinnerung ausgelöscht wurde. Eine der wesentlichen Wahrheiten der Geschichtsschreibung ist, dass die Sieger ihre Wahrheit zur alleinigen Wahrheit erklären und die Verlierer glauben lassen dass diese Wahrheit der Sieger auch ihre eigene sei. So ist die wesentliche Fälschung der Geschichte der Eroberung Amerikas zu verstehen.

Vor ein paar Tagen in einem Gespräch mit einer Freundin, erklärte mit diese:
Dass es ihres Wissens keine einzige Kultur oder Zivilisation auf der Erde gegeben hätte und hat, in der es möglich sei dass zwei Männer oder zwei Frauen einfach so als Paar zusammen ihr Leben miteinander teilen könne. Auch nicht in den so genannten Matriarchaten oder Gynokratien. Da es letztlich immer über die Herrschaft und Kontrolle der Gebärmutter, der Zeugung und der Geburt gehe.“

Ich wies sie auf die Laguna Pueblo Schriftstellerin Leslie Marmon Silko hin, ihrem Essay Band „Yellow Woman and a Beauty of the Spirit“, in dem auf Seite 67 folgende Zeilen zu finden sind:
silko_leslie_marmonLeslie Marmon Silko, Laguna Pueblo
„Vor der Ankunft der christlichen Missionare, konnte ein Mann als Frau Leben und mit den Frauen arbeiten. Er konnte einen Mann heiraten und dies ohne jegliche Aufregung der anderen. Ebenso konnte eine Frau wie ein Mann Leben, mit den Männer zur Jagd gehen, wie sie in den Krieg ziehen und selbstverständlich auch eine Frau heiraten. In der alten Pueblo Weltsicht, waren wir alle eine Mischung aus weiblich und männlich, und die sexuelle Identität war ein sich kontinuierlich sich wandelnde. Sexuelle Unterdrückung kam zu uns mit den Missionaren. Für unsere Vorfahren, war Heirat eine Sache der sozialen Beziehung, des Teamworks, sieh hatte nichts mit sexueller Erregung zu tun. In den Tagen vor den Puritanern, hieß Ehe nicht das Ende von Sex mit anderen. Jeder konnte sich einen Liebhaber oder eine Geliebte nehmen.“

Paula_Gunn_AllenPaula Gunn Allen, Laguna Pueblo
Die ebenfalls Native Autorin Paula Gunn Allen geht in ihrem Buch: „The sacred Hoop, Recovering the Feminine in American Indian Tradition“, davon aus, dass die meisten ursprünglichen Nativen Nationen Amerikas, wenn nicht Gynokratien so doch zu mindestens Matrilinear waren bevor die europäischen Eroberer kamen.
Paula Gunn Allen sagt weiter:
„Am Anfang war Denken, und ihr Name war Frau. Die Mutter, die Großmutter, die Matrone, erkannt von Anfang an bis ins Heute von den Menschen der Amerikas, bewahrt in den ältesten Traditionen, zelebriert in den sozialen Strukturen, Architektur, Gesetz, Brauchtum und mündlicher Tradition. Ihr verdanken wir unser Leben, und von ihr kommt unsere Fähigkeit auszuhalten, jegliche Bedrohung unserer Existenz, AN IHR (Der Erde), an IHR und, unser Sein, in den letzten fünfhundert Jahren Kolonisierung. Sie ist die alte Spinnenfrau die uns einwebt in eine Decke, ein Gewebe von Verbindungen und Abhängigkeiten. Sie ist der älteste Gott, die Eine die erinnert und wieder verbindet; und dies durch die Geschichte der letzten fünfhundert Jahre. Sie lehrte uns Schmerz und hilflose Wut zu ertragen, wir hielten durch in die Gegenwart, immer noch am Leben, immer noch da, wissend um unsere Bedeutung sicher um unser Wissen das SIE das Zentrum ist, das SIE eins ist mit dem heiligen Kreis des Seins.“

All dies passte nicht in das Bild, der Eroberer Amerikas. Weder in das Bild der katholischen Spanier und Franzosen noch in das Bild der puritanischen Angelsachsen. Sie hatten ein Bild des Profites und der Ausbeutung vor sich. Als sie die scheinbar, wie sie glaubten, unberührten Landschaften vor sich sahen. Für sie wahren die Ureinwohner nichts anderes als eine Form der Tiere die dumm genug waren, wie Benjamin Franklin sagte, sich unter die Knute ihrer Weiber zu begeben. Er meinte damit den Bund des langen Hauses, die vereinten Stämme der Irokesen, oder der sechs Nationen. Von Ihnen klauten die Gründerväter der USA die Idee der Vereinigten Staaten, nur liessen sie die Weiberherrschaft weg wie Benjamin Franklin es ausdrückte.

Beth Brant (Dagonwadonti). NYC. (1990) photo by Robert Giard Beth Brant, Mohawk
Eine Tochter der Irokesen ist die Mohawk Beth Brant. Aktivistin, Frauenrechtlerin, Schriftstellerin und bekennende Lesbe, ebenso wie die inzwischen verstorbene Paula Gunn Allen. Sie sagt in: „Writing as a Witness“ über die Geschichte der Beziehung zwischen uns und den Native Americans:
„Ich denke das Geschichte wie sie uns vermittelt wird eine Lüge ist - geschrieben um das Ego des weißen Mannes aufzublasen, um ihre Überlegenheit zu demonstrieren.“

Und sie meint damit vor allem die Sage um Pocahantos und deren Beziehung zu ihrer angeblichen Liebe zu John Smith und John Rolfe. Aber auch die Beziehung zwischen uns und unseren indigenen Brüder und Schwestern.

Überhaupt Pocahontas, Wie textete Neil Young in den Siebzigern?
„Pocahontas, Marlon Brando und ich:“
Pocahontas, die mythische Squaw. Ist sie nicht der Kindertraum eines jeden weißen Jungen? Und wie sagt die Native Sängerin Annie Humphrey:
„My Mother always said: Don‘t let anyone treat you like a squaw.“
ann_humphreyAnnie Humphrey, ist eine Ojibway Mutter, Singer und Songwriter und Visual Artist

Was ist Geschichte? Fragt Beth Brant in: „Writing as Witness“
„Ist sie der Besitz der herrschenden weissen Gesellschaft, die sie so benutzt, wie es ihr in ihre Politik passt? Was ist die Geschichte der Frauen? Ist sie immer noch die Geschichte der weissen Frauen, die privilegiert sind durch ihre Geburt? Wird Geschichte etwas neues - eine Erzählung aller Nationen - statt der Erzählung der europäischen Eroberung? Ich bin eine Grossmutter und ich fühle es ist absolut notwendig das ich die wahre Geschichte der Amerikas erzähle. Meine Enkel brauchen Geschichten die ihnen helfen gute Männer zu werden - die Sorte von Männern die unsere Nationen verdienen. Meine Enkel - so viel Sorten von Blut fließt in ihren Adern. Unter anderem Mowhawk, Irisches, Schottisches, Polnisches, Cree, Französisches, Norwegisches und Cherokee - das Blut der Zukunft.

Literatur:
1. Ronald D. Laing, „Phänomologie der Erfahrung“ edition suhrkamp 314,
11 Auflage 59.-62. Tausend 1981

  • 2. Leslie Marmom Silko, „Yellow Woman and a Beauty of the Spirit“ Essays on Native American Life Today, A Touchstone Book, Published by Simon & Schuster, New York 1997

  • 3. Paula Gunn Allen. „The Sacred Hoop“ Recovering the Feminine in American Indian Traditions, Beacon Press Copyright 1986, 1992 by Paula Gunn Allen

  • 4. Beth Brant, „Writing as Witness“ Woman‘s Press, Toronto Ontario, Copyright 1994 by Beth Brant

Um die Rolle der Transidentische Menschen in einer Gesellschaft zu verstehen, muss man die Rolle der Frau in dieser verstehen. 1.Teil


„Die Frauen der Navajo, sind die,
die in ihrer Gesellschaft die Hosen anhaben.
Sie bearbeiten das Land, ziehen die Kinder auf,
schlachten die Schafe.
Bewahren die Kultur und die Traditionen.“
Billy Luther, Navajo Filmemacher

women_top Foto: from „Miss Navajo“ a film by Billy Luther

Die Navajo Frauen waren immer schon das Herz des sozialen und ökonomischen Lebens der Navajo Gesellschaft, und kontrollieren so dieselbe. Die Frauen besitzen und besassen von jeher das Land, die Schafsherden, die der Ziegen, Rinder und Pferde. Und vererben diesen Besitz weiter an ihre Töchter die sie dafür trainieren, dies auch zu managen.

Die Stellung der Navajo Frau beruht auf Asdzaan Nadleehe (Changing Woman) der Personifizierung der lebenden Erde. Sie repräsentiert die verschieden Rollen eines Frauenlebens in der Navajo Gesellschaft, schuf die ersten Klans der Navajos, gab die Leitlinien des Miteinanders und begründete dadurch das matrilineare System. Und dies durch die wesentliche Zeremonie der Navajo Chantways, den Segnungsweg, das Hòzhò-ji. Das Rückgrat der Navajo Weltsicht. Sie richtete mit dieser Zeremonie die Himmelsrichtungen ein, schuf den Ablauf des Jahres wie des Tages, die Lebensalter aller Lebenden Wesen, das Haus der Navajo, den Hogan, dass an jedem Ort, das Zentrum des Navajo Universum verkörpert. Da dieses Haus sozusagen ein Mini Universum verkörpert. Mit seiner Tür nach Osten, seiner runden Form, mit seinen Pfosten in Richtung der Himmelsrichtungen ist es ein Abbild des Jahreskreises wie des Tageskreises.

All dies legte Asdzaan Nadleehe (Changing Woman) mit dieser ersten Zeremonie, dem Segnungsweg, der Weltschöpfungzeremonie fest. Sie gab jedem Ding, der Erde selber, den Bergen, den Tieren den Menschen, den Elementen, alles was ist, eine männliche und weibliche Form. Ebenso eine innere und äussere Form. Welche dann entweder weiblich oder männlich ist.

Kinaalda-Celebrating-maturity-of-girls-among-the-NavajoFoto: navajopeople.org/.../

So gibt es einen weiblichen, wie einen männlichen Wind. Ist der Wind weiblich so ist die innere Form des Windes männlich. Wandelt sich der sanfte weibliche Wind in einen Sturm so wird seine äussere Form männlich und seine innere Form weiblich.

Carolyn Epple lässt in, „A Navajo Worldview and Naadlèèhi“ ihren Informanten (D.B.) mit folgendem Satz zu Wort kommen: „Im Navajo Denken ist das männliche assoziiert mit Schutz und Aggression, das weibliche mit Kreativität, Fruchtbarkeit, Erfolg, Harmonie und dem Gleichgewicht des Hòzhò, der universellen Harmonie.“

Der Navajo Ethnologe Wesley Thomas sagt in dem Dokumentarfilm „Two Spirits“:
„Das erste Gender sei das weibliche, das zweite das männliche.“

Im Gegensatz zur christlichen Schöpfung, stammt die Frau, bei den Navajo nicht aus der Rippe Adams. Nach Wesley Thomas macht das auch den Unterschied zwischen dem Bewusstsein traditioneller Navajo Frauen und dem Bewusstsein europäischer und den weißen amerikanischen Frauen aus. Wesley Thomas sagt weiter: „Das weibliche Geschlecht ist das erste in der Navajo Schöpfung. Und damit etabliert es sich auch als das bestimmende Geschlecht in der Navajo Gesellschaft. Es ist also nicht nur zweckdienlich, sondern absolut notwendig für das weibliche Gender, bestimmend für die kulturelle Bestimmung der Frauen, und Sexes bei den Navajo. zu sein. Alles Leben kommt von der Erde und der Erdfrau, und die bestimmende weibliche Gottheit ist Asdzaan Nadleehe (Changing Woman)“. Ich denke deutlicher kann man es nicht sagen.

Daraus ergibt sich aber auch, dass das traditionelle Selbstbild der Transidetischen Menschen, des Nadleehe, bei den Navajo, zwangsläufig ein anderes ist als dass in unserer Gesellschaft übliche Selbstbild von Transsexuellen und Transidentischen Menschen. Natürlich ist mir klar das der Einfluss unserer kolonialistischen westlichen Zivilisation, nicht ohne folgen geblieben ist. Homophobie und Transphobie ist heute auch unter den Navajo zu finden. Nur das wirklich faszinierende an der Mentalität der Navajo ist, dass Tradition und Moderne kein Widerspruch sind. Ich glaube die Kraft liegt gerade in der Tradition. Es ist gerade so, dass diese Tradition ihre Kraft aus dem Wort Nadlèèhe, also Wandlung bezieht. Es ist kein Zufall, dass sie diese Welt in der sie Leben als „Wandelbare“ begreifen und das sie ihre Göttin, die Erde, als die „Wandelbare Frau“ benennen.

In „Art and Language in the Navajo Universe“ sagt Gary Witherspoon am Schluss seines inzwischen schon zum Standardwerk gewordenen Buches: „Es ist nicht überraschend, das Changing Woman, die absolute Essenz und Personifizierung von Regeneration, der Verjüngung, der Erneuerung und dynamischer Schönheit die Supreme-Mutter der Navajos ist, also die meist gesegnete, die meist verehrte und die absolut wohlwollendste der Götter ist. Und, bestimmend ist sie dadurch, dass sie das Kind des statischen männlichen sa’ ah naaghài sowie des aktiven weiblichen bik’eh hòzhò ist. Dies glaube ich, sagt Witherspoon, ist das Modell kreativer Synthesis, dass das Fundament dessen ist, welches als solches die ganze Navajo Kultur durchdringt.

In einer Gesellschaft wie die Unsere, also die westliche, weltbeherrschende Zivilisation, in der man Experten braucht um zu erklären was Glück, Liebe, Freundschaft und Zufriedenheit bedeuten, die den Sinn dieser Begriffe verloren, und dann erst lange Studien und Forschungsprojekte brauchen um diese Phänomene menschlichen Lebens zu verstehen. Ist es fast unmöglich jemanden klar zu machen was unter Hòzhò-ji zu verstehen ist. Dies ist der Grund, warum es Generationen von Übersetzern schwer fiel diesen grundsätzlichen Begriff der Navajo Weltsicht in unsere abendländischen Sprachen zu übersetzen. Man versuchte es mit Schönheitspfad, Segnungsweg, oder harmonische Konditionen oder ähnlichen Wortkonstruktionen. Es ist Witherspoons Leistung es als Synthese zu begreifen, die aus all den Begriffen besteht die der Mensch, unter einem glücklichen harmonischen Leben versteht.

Am besten lässt es sich über das Empfinden verstehen. Denn unsere Empfindungen sind das Element, was uns mit dieser Welt und den Navajo verbindet. Wenn man dann draussen ist, weit weg von allem was unsere heutige Existenz ausmacht, und das Erwachen des Tages, den Sonnenaufgang zur Jahresmitte dem Solstice, mit allen Sinnen erfährt, dieses erste feine Licht, die Stimmen der Tiere, der Vögel, der Frösche, das sich allmählich zu einem crescendo steigert. Die Navajo nennen es das erscheinen des Morgentauknaben, das Erwachen der Welt. Und damit nach Meinung der Navajo den Sinn unserer Existenz, die Hingabe ans Leben. An das Hòzhò.

kinaalda 2kinaaldaFotos: Kinaalda Ceremony, Dee Rambles A Lot
kinaalda--large-msg-121782087013Foto: Kinaalda Ceremony, MeredithAurelia

Und dies ist der rechte Moment auf das zusprechen kommen, was eine der wichtigsten, bedeutendsten und heiligsten Zeremonien im Leben einer Navajo Frau ist: Die Kinaalda Zeremonie, in der über den Zeitraum von 4 Tagen das Mädchen zur Frau wird. Im allgemeinen findet diese Zeremonie nach der ersten Periode statt, und sie ist eine Rekonstruktion jenes mythischen Momentes, wo die Götter jenes kleine Mädchen in der Mitte der Welt fanden, die das Kind der Nacht und des Morgentauknabens ist. Eben das Kind von „sa’ ah naaghài bik’eh hòzhò“. Eben Asdzaan Nadleehe, Changing Woman. In vier Tagen wurde sie mit der Hilfe der Götter eine erwachsene Frau. Dies wird symbolisiert in dem sich das junge Mädchen, gekleidet in ihren feinsten Kleidern, vor Sonnenaufgang auf eine Decke legt in Richtung des Hogan, des Haus Einganges, und während dessen, mit Massagen ihrer Schwestern, Mütter, oder anderen weiblichen Verwandten, symbolisch gestreckt und gedehnt wird, damit sie schnell erwachsen und stark wird. Danach startet sie einen Lauf, wenn das erste Licht sich zart am östlichen Horizont zeigt, in Richtung Sonnenaufgang ca. eine viertel Meile hin und zurück. Dies wiederholt sich während der vier Tage jeden Morgen. Tagsüber darf sie nur eine spezielle Diät ohne Salz zu sich nehmen. Sie darf sich weder kämmen noch kleiden all diese Tätigkeiten liegen bei den Frauen die sie betreuen während dieser Zeremonie. Am letzten Abend bei Einbruch der Dunkelheit, singt der Hataali* die ersten 12 Hogan Lieder aus dem Hòzhò-ji und nach diesen Gesängen, geht es dann weiter mit Gesang und Tanz bis zum Sonnenaufgang, Wobei dann vor Sonnenaufgang dem Mädchen die Haare mit Yuccasud gewaschen und anschliessend mit Maismehl getrocknet. Dann startet sie ihren letzten Lauf bei dem sie von den Kindern begleitet wird, welches symbolisiert, das sie eine gute und starke Mutter werden wird. Wenn sie dann zurück kommt, ist dann die Zeit gekommen, wo der grosse aus Maismehl gebackene Kuchen serviert und alle an dem grossen Festmahl teilnehmen. Sie ist nun im Navajo Sinne eine sich selbstbestimmte Frau und zukünftige Matriarchin.

  • Hataali, Sänger oder Medizin Person manchmal auch als Schamane bezeichnet.

Literatur:
1. Carolyn Epple, „A Navajo Worldview and Naadlèèhi:
Implications for Western Categories, in Two-Spirit-People, Native American Gender Identity, Sexuality, and Spirituality, University of Illinois Press 1997

2. Gary Witherspoon, „Language and Art in the Navajo Universe“
The University of Michigan Press 1977

3. Wesley Thomas (Navajo), „Navajo Cultural Constructions of Gender and Sexuality“ in Two-Spirit-People, Native American Gender Identity, Sexuality, and Spirituality, University of Illinois Press 1997

4.Kinaalda – Celebrating maturity of Girls among the Navajo
by NAVAJOBOY on DECEMBER 16, 2010,Navajo People - The Diné, Content for this site is provided by
Harry Benally a Navajo Carver and Silversmith from Sheep Springs, New Mexico and Harold Carey a Navajo Historian from Malad City, Idaho.

  • „Miss Navajo“ A film by Billy Luther, Distributed by
Independent Lens (U.S.

Nadlee&#39;he_reichard

Die frühen Ethnologen und die „Nàdleehe“.

Ich kann in dieser Arbeit nicht auf die Gesamtheit der religiösen Vorstellungen der Navajo eingehen. Mir kommt es dabei mehr auf die spezifischen Gender Vorstellungen der Navajo an. Wobei es nicht zu vermeiden ist, auf Sprache und Religion der Navajo einzugehen. Da dies nicht voneinander zu trennen ist. Die ja die Basis zum Verständnis der Gender Vorstellungen der Navajo ist. Zurzeit wird viel darüber spekuliert, dass da mehr als die herkömmlichen Geschlechter seien. Es wird von „Two Spirits“ gesprochen aber auch von der Wiederbelebung der traditionellen Mann/Frauen der Nativen Nationen Nordamerikas. Wie die „Nàdleehe“ der Navajo, die „Winkte“ der Lakotah, oder die „Hemaneh“ der Cheyenne. Die durch Missionierung der christlichen Kirchen, sowie Oppression derselben, auch der amerikanischen Regierung und der Weißen Moral, weitgehend aus der Wahrnehmung verschwunden waren. Siehe dazu als Beispiel Gladys Reichard, „Navajo Religion, A Study of Symbolism“, Princeton University Press 1974. Ich zitiere:

Die Navajo traditionell anerkennen und billigen den Status des Transvestiten (Nàdleehe). Der Hermaphrodit ist eine häufige Figur in ihrer Mythologie. Sein Ursprung geht zurück in die Dritte Welt, in der die Hermaphroditen alles lernten über die Arbeit der Männer und Frauen. Und in der sie als Frauen lebten. Sie gelten als die Erfinder der Töpferei, des Wasserschöpfers, des Metate (Korn Mahlstein), der Haarbürste, des Kochlöffels und des Eimers. Nach Washington Matthews traten sie zum ersten mal in der vierten Welt auf. Und er fügt hinzu: „Sie gingen mit den Männern als die Geschlechter sich teilten und trieben Unzucht mit ihnen. Der erste Hermaphrodit war auch der erste Mensch der starb und wurde als Toter gesehen am Ort des Aufstiegs“. (Die Navajo sehen die Schöpfung der Welt als einen allmählichen Aufstieg. Von der ersten, bis zur jetzigen Welt, der Welt in der wir Leben. Nach ihrer Vorstellung ist dies die fünfte Welt. Die Wandelbare. Wobei der Ort des Aufstiegs als so etwas wie die Vagina der Erde zu sehen wäre?)*

Daraus erklärt, sich so Matthews, die Furcht der Navajo vor den Toten. Nach Matthews werden solch „abnormen Kreaturen“** (die Hermaphroditen und Transvestiten) von den Navajo als Verbündete des Todes betrachtet.

*Meine persönliche Vermutung
**Von mir in Anführung gesetzt

Sehr wenig, sagt Reichard, ist als wirkliches Wissen aus erster Hand zu erfahren, über die Transvestiten und Hermaphroditen. Es sieht sogar so aus, als ob es früher mehr von ihnen gegeben habe als heute.
(Kein Wunder, man kann davon ausgehen das zu der Zeit als sich Gladys Reichard in der grossen Reservation aufhielt die wenigsten sich trauten zu outen).

Willard Williams Hill, 1902-1974. Erzählt in seinen Schriften von fünf „nàdleehe“ kennt aber aus persönliche Erfahrung nur einen.

(Aus dem mir hier vorliegenden Text geht nicht hervor das dies „tlà‘h“ war. Dem wohl berühmtesten „nàdleehe“.* Heute oft in dieser Schreibweise „Klà`h“. Es war wohl eher die hier später erwähnte „Kinipai“).

*„tlà‘h“ , verdient sein eigenes Kapitel, da ihre/seine Bedeutung weit über das hinaus geht, ein „nàdleehe“ zu sein.

KlahHosteen „tlà‘h“

Nach Hill heißt es das „tlà‘h“, das nachdem die Navajo 1868 das Konzentrationslager am Bosque Rodendo im Fort Sumner verliessen, um in ihre Heimat zurückzukehren von feindlichen Ute überfallen wurden und „tlà‘h“ entmannten. Und das er deswegen zum Transvestiten wurde. Als Reichard ihn kennenlernte, ein paar Jahre vor seinem Tod, wirkte er auf sie wie jeder Navajo Mann. Seine Kleidung seine Stimme, seine Bewegungen. Er webte - unter den Navajos sind die Frauen die Weber - doch nur mit den Designs der heiligen Sandbilder, welche Teil seines professionelles Wissen waren („tlà‘h“ war Hatààli, das heißt Sänger, heute würde man Schamane sagen, obwohl die Sänger der Navajo eher Priester denn Schamanen sind). Sie ist sicher, sagt Reichard, da gab es keine Gerüchte über ihn, hinter vorgehaltener Hand, keine weiße Person hätte ihn als „abnormal“ erkannt.

Hill beschreibt dann die Rolle der „sexuell Abnormen“. Und gibt dann eine Beschreibung von „Kinipai“. Welche von sich behauptete sie sei eine wahre Hermaphroditin und wünsche als Frau behandelt zu werden. Hill beschreibt dann weiter, dass Kinder welche die Anzeichen von gegengeschlechtliches Verhalten zeigten, von den Navajo als glücksverheißend angesehen wurden. Und behandelt wurden als seien sie Favoriten. Das der Respekt ihnen gegenüber wuchs, je länger sie lebten. Es wurde ihnen nachgesagt, das sie Reichtum generieren würden. Reichard meint, dass „tlà‘h“ in diesem Sinne extrem clever gewesen, mit seiner Fähigkeit, aus beidem der Männerarbeit wie der Frauenarbeit seinen Vorteil zu ziehen. Er verdoppelte so seine Ressourcen, abgesehen davon, dass seine Tätigkeit als „Hatààli“ ihm ein erfolgreiches Leben sicherte.

Reichard stellt sich nun folgende Fragen, die sich aus den Schlüssen Hills ergeben. Woher kommt dieser Respekt gegenüber diesen doch offensichtlich „abnormen“ Menschen? War es weil Bisexualität zur Unterwelt gehört, war es weil sie verbunden ist mit Tod und anderen Formen des Bösen? Wird Transvestismus respektiert weil es nicht üblich und deswegen gefährlich? Seit den Tagen der unteren Welten gehören Tod und Reichtum, sexuelle „Abnormität“ in die Schublade der Dinge die gefährlich, sagt Reichard. Und weiter: Es sollte klargestellt werden, dass zum Beispiel „Kinipai“ begierig war über ihre eigenen sexuellen Erfahrungen und ihre Zauberei zu sprechen, aber Angst hatte über ihre Träume zu sprechen. (Dies gilt Reichard als Bestätigung ihrer Vorstellungen zu diesem Thema. Es ist ihr nicht klar, das sie ihr weißes Denken zu dem Thema auf die Navajo projiziert).
Hill sagt nun über „tlà‘h“, das dieser die Position des Hermaphroditen (gemeint ist damit der Gott Begochidy) im Navajo Navajo Pantheon rationalisierte. Möglicherweise tat er das, meint Reichard und sagt weiter: er rationalisierte viele Phasen der Navajo Religion und war sich mehr bewusst als viele andere „Hatààli“. Und besaß eine Bildung, in unserem Sinne, die sie nie bei einem anderen Navajo gefunden. (Reichard)


Soweit nun Gladys Reichard. Wenn man heute den Text liest hat man die Empfindung dass er aus einer anderen Zeit stammt. Ihr Buch wurde zwar in den Siebzigern des letzten Jahrhunderts publiziert. Aber die Texte stammen zum grossen Teil aus der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts. Sie hatte ja Hosteen Kl’ah („tlà‘h“) noch persönlich gekannt, und kann trotz aller Abneigung gegen diese „Abnormen“ Menschen, in diesem Text nicht verbergen, dass sie beeindruckt von ihr/ihm war.

Wie muss man sich die Bedingungen vorstellen, Anfang der dreissiger Jahre, als Gladys Reichard ihre Feldforschung im Gebiet des grossen Reservat auf dem Colorado Plateau durchführte?

Father-Berard-Haile Father Berard Haile
Mehr erfährt man, wenn man ihr 1934 veröffentlichtes Buch: „Spider Woman, A Story of Navajo Weavers and Chanters“ liest. Ich glaube sie hat die Navajo geliebt. Im Besonderen die Frauen und vor allem deren Stärke. Ein wundervolles Buch. Aber alles was mit den „Nàdleehe“ oder Hosteen „tlà‘h“ zu tun, war ihr wie den meisten ihrer Zeitgenossen unbegreiflich. Reichard war Quäkerin. Matthews war Offizier der US Armee. Er hatte im Norden gegen die Lakotah und gegen die Nez Percè gekämpft. Dann eine Hidatsa Frau geheiratet, mit der er auch einen Sohn gehabt haben soll. Er hat sich dann später nach Fort Wingate in Arizona versetzen lassen, um dann dort sein Studium der Navajo zu beginnen. Es ist klar, dass diese Pioniere der Ethnologie, wie ihre Kollegen die Missionare, wie z.B. Father Berard Haile, der wohl bedeutenste Ethnologe der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts, der sich mit den Navajo beschäftigte. Und ein grosser Teil seines Lebens unter den Navajo verbracht, dann das erste Alphabet der Navajo Sprache entwickelt und ihre Schöpfungsgeschichte aufgezeichnet, mit Sicherheit die Objekte seiner Forschung liebte. Aber Ihnen blieb jener Bereich den sie unter dem damals gebräuchlichen Begriff Berdache* zusammenfassten Fremd.

*Berdache, ist eine Namensgebung französischer Trapper für Männer und Frauen, die sich dem anderen Geschlecht zugehörig betrachteten. Der Begriff Berdache stammt aus dem persischen, fand seinen Weg ins Französische und bedeutet Lustknabe. Wurde aber bis vor einigen Jahren auch in der Wissenschaft gebraucht. Da man ja letztlich den Berdache unter „indianischer Perversion“ einordnete.

Literatur:
Gladys Reichard, „Navajo Religion, A Study of Symbolism“
Princeton University Press 1974
„Spider Woman, A Story of Navajo Weavers ans Chanters“
The Rio Grande Press. Inc. Fifht Printing 1981

W.W. Hill, „The Status of the Hermaphrodite and Transvestite in Navajo Culture“
American Anthropologist, Vol. 37, pp. 273-9. 1935

Washington Matthews. „Navajo Legends“
Memoirs of the American Folk-Lore Society, Vol. 5. 1897

Father Berard Haile, Leland C. Wyman.
„Blessingway“ The University of Arizona Press. 1970
Father Berard Haile, „Love-Magic and Butterfly People“, American Tribal Religions, Volume Two,
Museum of Northern Arizona, 1978 Seite 161-168

Clyde Kluckhohn, „Navaho Witchcraft“, Copyright, 1944 By the President and Fellowas of Harvard College
Published by arrangement with the Peabody Museum of Archelogy and Ethnology, Harvard University

Jean Lessenich, „Nun bin ich die niemals müde junge Hirschfrau oder der Ajilee-Mann“
edition suhrkamp, 1308, 1985



Paul G. Zolbrod.
„Auf dem Weg des Regenbogens“ Das Buch vom Ursprung der Navajo (Dinè bahane‘) München: Diederichs, 1988

Blessing-Way

Asdzaan Nadleehe (Changing Woman) ist die Personifizierung der Erde.
Sie representiert den Wechsel der Jahreszeiten, Geburt (Frühling), Erwachsensein (Sommer),
Alter (Herbst), Tod (Winter) und Wiedergeburt im Frühling. Die absolute Verkörperung
des „sa’ ah naaghài bik’eh hòzhò“ Prinzip des Navajo Denkens.
Abb. Eines Sandbildes aus dem Segnungsweg der Navajo



Versuch über Gender Identität, Spiritualität und Sexualität
am Beispiel der Navajo 1. Teil: Einleitung in den Themenkreis


„Wer die Begrifflichkeit der chinesischen Vorstellung des Yin und Yang auf das Weltbild der Navajo-Kultur im Südwesten der USA legt, kommt nicht umhin, in gewisser Weise Ähnliches zu entdecken.

Das Navajo-Weltbild, sagt Carolyn Epple vom Navajo Community College in „A Navajo Worldview and Nadleehi“, wird oft diskutiert in der Terminologie des „sa’ ah naaghài bik’eh hòzhò“, also im Sinne eines zyklischen Prozesses, bei dem Jedes und Alles existiert und wird.

Die folgenden vier Punkte sind die Hauptbegründung für diese Argumentation:
1. Jede Person, jeder Gedanke und jede Handlung, ja das Universum selber ist ein „sa’ ah naaghài bik’eh hòzhò“-Zyklus.
2. Alles ist also von einem höheren Standpunkt aus gesehen ein „sa’ ah naaghài bik’eh hòzhò“-Zyklus.
3.„sa’ ah naaghài bik’eh hòzhò“ ist also ein lebendes System, in welchem Jeder mit Jedem und Alles mit Allem verbunden ist.
4. „sa’ ah naaghài bik’eh hòzhò“ verwandelt zyklisch Alles in Alles.

In meinen Augen sind die Ähnlichkeiten zum taoistischen Denken Ostasiens offensichtlich. „Sa’ ah naaghài bik’eh hòzhò“ ist wie Ying und Yang die sich in ewiger Wandlung befindende durchdringende Polarität unserer Existenz.

Trotzdem gibt es einen entscheidenden Unterschied. Ich weiß nicht, inwieweit die ostasiastische Kultur mal eine matrilineare Ausrichtung hatte, wahrscheinlich ist es schon, da es heute noch in China Minderheitskulturen mit matrilinearen Ausrichtung gibt. Sicher ist auf jeden Fall, dass die Navajos eine matrilineare Kultur haben.

Das dies in Ostasien seit mehreren Jahrtausenden nicht mehr der Fall ist, mag die Ursache dafür sein, dass das Yin als das Dunkle, Kalte und Nasse, als das Weibliche in Ostasien interpretiert wird, während das Yang als das dynamische Lichte beschrieben wird. Ganz anders als im „sa’ ah naaghài bik’eh hòzhò“ der Navajo. Da ist es eher umgekehrt. Da auch das Männliche bei den Navajo positiver gewertet wird als das Weibliche Yin in Ostasien. Anscheinend hat eine patriarchalische Kultur es nötiger, das Weibliche herabzusetzen.

Wie auch immer, die Kultur der Navajo und die des alten China haben eines gemeinsam mit dem alten Europa, nämlich die Auffassung des Heraklit, der ja sagte: Alles fließt.

Wenn man sich aber mit Heraklit näher befasst, merkt man, dass seine Philosophie nicht von einer statischen Realität ausging, wie seine Zeitgenossen, sondern von einer sich stetig wandelnden Realität, zu der man in Europa wohl nicht den rechten Zugang fand. Wenig ist erhalten von seinen Schriften und trotzdem ist in dem, was uns von ihm geblieben ist, viel von dem zu finden, was auch von den Taoisten oder den Navajo-Schamanen stammen könnte :

„Es ist immer dasselbe, Lebendes wie Totes, Waches wie Schlafendes, Junges wie Altes. Das eine schlägt um in das andere, das andere wiederum schlägt in das eine um.“ Fragment B 88

Sein Logos-Begriff ähnelt dem chinesischen Tao oder Dao. Hier noch ein Zitat:

„Für diesen Logos aber, obgleich er ewig ist, gewinnen die Menschen kein Verständnis, weder ehe sie ihn vernommen noch sobald sie ihn vernommen. Alles geschieht nach diesem Logos, und doch gebärden sie sich wie Unerprobte, so oft sie es probieren mit solchen Worten und Werken, wie ich sie künde, ein jegliches nach seiner Natur zerlegend und deutend, wie sich’s damit verhält.“ Fragment B1

Stellt man daneben Lao-tse, so könnte man von Brüdern im Geiste reden:

„Wenn auf Erden alle das Schöne als schön erkennen, so ist dadurch schon das Häßliche gesetzt. Wenn auf Erden alle das Gute als gut erkennen, so ist dadurch schon das Nichtgute gesetzt. Denn Sein und Nichtsein erzeugen einander. Schwer und Leicht vollenden einander. Lang und Kurz gestalten einander. Hoch und Tief verkehren einander. Stimme und Ton sich vermählen einander. Vorher und Nachher folgen einander.“
Lao-tse „Tao te king“ Vers 2

Die Verwandtschaft von Heraklit und dem chinesischen Denken wird noch deutlicher wenn man Heraklit Fragment B 31 betrachtet:

„Diese Weltordnung, dieselbige für alle Wesen, hat kein Gott und kein Mensch geschaffen, sondern sie war immerdar und ist und wird sein ewig lebendiges Feuer, nach Maßen erglimmend und nach Maßen erlöschend.“

Für Heraklit ist diese Welt Gott. Was heißt das? Sehen wir bei Francois Jullien nach, der ja sagt, um aus der Sackgasse des europäischen Denkens zu kommen, müsse man „den Umweg über China“ beschreiten.

Ich zitiere aus Francois Julliens Buch „Schattenseiten“:

„In der westlichen Welt ist Heraklit der erste, der diesen die Metaphysik von vornherein durchkreuzenden Weg beschreitet. Dadurch, dass er die Gegenteile ohne vermittelnde Instanz füreinander öffnet und sie ohne Abstimmung miteinander verknüpft, ergreift er offen für diesen Einbruch Partei und lässt die grundlegende Einheit erscheinen, die vom allgemeinen Diskurs nur verschleiert (und mit der Errichtung der Metaphysik verewigt) wird:

„Gott ist Tag Nacht, Winter Sommer, Krieg Frieden, Sattheit Hunger“. Fragment 67

„Tag Nacht“ und nicht „Tag und Nacht“. Denn nicht dadurch, dass man auf der einen Seite den Tag, auf der anderen die Nacht sieht,
auf der einen Seite den Winter, auf der anderen den Sommer, wird man jene Einheit der gegenseitigen Abhängigkeit erfassen, für den Heraklit den Namen „Gott“ gewählt hat. Tag – Nacht: Man darf die Begriffe nicht einzeln einen nach dem anderen aufsagen, wie es „die Vielen“ tun, die nicht „wach“ sind und diese Untrennbarkeit nicht einsehen, den Frieden getrennt vom Krieg oder die Sattheit getrennt vom Hunger begreifen, sondern muss sie zusammenhalten. Tag – Nacht, Winter – Sommer, Krieg – Frieden, Sattheit – Hunger: Da ist kein „Sinn“ in der eigentlichen (selektiven) Bedeutung des Wortes, sondern die Kohärenz der Gegensätze wird direkt im Diskurs aufrechterhalten.“

Soweit Francois Jullien. Und das ist es, was die Navajo meinen, wenn sie den heiligsten Satz ihres Glaubens aussprechen: „sa’ ah naaghài bik’eh hòzhò“.

Gary Witherspoon definiert in „Language and Art in the Navajo Universe“ den Begriff „sa’ ah naaghài bik’eh hòzhò“ so: „Die Etymologie von ‚sa’ ah’ lässt erkennen, dass dieser Ausdruck eine Ableitung der Vergangenheitsform von ‚wachsen’‚reifen’ ist. Dieser verbale Stamm bezeichnet etwas oder jemanden, der geistige Reife oder ein hohes Alter erreicht.“

„Naagh’ai“ ist laut Witherspoon eine von über dreihunderttausend Möglichkeiten in der Navajo-Sprache, das Verb ‚gehen’ zu konjugieren. So gesehen bedeutet also beides zusammen „sa’ ah naaghài“ die immer wiederkehrende Erneuerung des Lebens.
Also Leben, Sterben, oder Sterben, Leben. Im Sinne Heraklits.

Das Wort „bik’eh“ ist am einfachsten zu übersetzen. Es bedeutet „übereinstimmend mit diesem“ oder „aus diesem entsteht jenes“. Eben das „hòzhò“. Was nach Witherspoon nie angemessen übersetzt wurde. Weil es in den europäischen Sprachen nicht möglich ist, dieses Wort in all seinen Bedeutungen zu wiederzugeben.

Denn „hòzhò“ beinhaltet die ganze Welt der Erscheinungen, alles was ist und dessen Konditionen. Die Schönheit dieser Welt, die Harmonie des Kosmos. Was war und was sein wird. Die Dämmerung des Morgens, das Licht des Mittags, die Dunkelheit der Nacht. Das Spiel des Windes, das Licht der Sonne und der Wurf des Schattens.

Man könnte es auch mit den Worten des Buddhisten Laie Toba ausdrücken. Der, wie es in Dogens „Shobogenzo“ heißt, eines Nachts die Stimme eines Flusses im Tal hörte und folgende Zeilen verfasste:

„Die Stimme des Tales ist (Buddhas) reine Zunge,
die Form des Berges nichts anderes als sein reiner Körper.
Vierundachtzigtausend Verse klingen in der Nacht.
Wie kann ich dies an einem anderen Tag den Menschen sagen.“


Wobei zu sagen ist, das mit Buddha nicht der Mensch gemeint ist
der Buddha genannt wurde, sondern wie es im „Fueko“ (man könnte es das Zen-Buddhistische Glaubensbekenntnis nennen) heißt:

„Die zehn Richtungen dieser Welt, alles ist Buddha. Alle Bodhisattvas und Mahasattvas, große Weisheit Vollendung“

Also das was die Navajo unter „hòzhò“ verstehen. Nun werden mir da hunderte von Buddhisten wahrscheinlich sofort widersprechen.
Zu ihrer Beruhigung, ich behaupte hier nicht dass ich „hòzhò“ mit Erleuchtung im Sinne Buddhas oder irgendeiner buddhistischen Schule gleichsetze. Ich sage nur das was der Laie Toba im alten China erfahren als er die Stimme des Tales und der Berge vernahm, das war was ein Navajo unter „hòzhò“ versteht.

Letztlich, ist „sa ah naaghài bik eh hòzhò“ .Der Ausdruck unseres Geistes, die Fähigkeit des Bewusstseins unsere Welt wahrzunehmen, zuerkennen, zu beschreiben. Aber auch zu formen und damit zu gestalten. Und damit gibt „sa ah naaghài
bik eh hòzhò“ dem Menschen auch die Verantwortung für diese Welt. Und dies ist die Botschaft der Navajo an uns.

Wird Fortgesetzt

Literatur:
1. Carolyn Epple, „A Navajo Worldview and Naadlèèhi:
Implications for Western Categories,
in Two-Spirit-People, Native American Gender Identity, Sexuality, and Spirituality, University of Illinois Press 1997

2. Die Zitate Heraklit aus Wikipedia
http://de.wikipedia.org/wiki/Heraklit

3. Francois Jullien, „Schattenseiten“ Vom Bösen und Negativen,
diaphanes, Zürich-Berlin 2005

4. Gary Witherspoon, „Language and Art in the Navajo Universe“
The University of Michigan Press 1977

5. Meister Dogen, „Shobogenzo“ Die Schatzkammer des wahren Dharma-Auges, Werner Kristkeitz Verlag 2003
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