24/08/11 16:49 Filed in: Gender Identität/Navajo. Teil 2

Die frühen Ethnologen und die „Nàdleehe“.
Ich kann in dieser Arbeit nicht auf die Gesamtheit der religiösen Vorstellungen der Navajo eingehen. Mir kommt es dabei mehr auf die spezifischen Gender Vorstellungen der Navajo an. Wobei es nicht zu vermeiden ist, auf Sprache und Religion der Navajo einzugehen. Da dies nicht voneinander zu trennen ist. Die ja die Basis zum Verständnis der Gender Vorstellungen der Navajo ist. Zurzeit wird viel darüber spekuliert, dass da mehr als die herkömmlichen Geschlechter seien. Es wird von „Two Spirits“ gesprochen aber auch von der Wiederbelebung der traditionellen Mann/Frauen der Nativen Nationen Nordamerikas. Wie die „Nàdleehe“ der Navajo, die „Winkte“ der Lakotah, oder die „Hemaneh“ der Cheyenne. Die durch Missionierung der christlichen Kirchen, sowie Oppression derselben, auch der amerikanischen Regierung und der Weißen Moral, weitgehend aus der Wahrnehmung verschwunden waren. Siehe dazu als Beispiel Gladys Reichard, „Navajo Religion, A Study of Symbolism“, Princeton University Press 1974. Ich zitiere:
Die Navajo traditionell anerkennen und billigen den Status des Transvestiten (Nàdleehe). Der Hermaphrodit ist eine häufige Figur in ihrer Mythologie. Sein Ursprung geht zurück in die Dritte Welt, in der die Hermaphroditen alles lernten über die Arbeit der Männer und Frauen. Und in der sie als Frauen lebten. Sie gelten als die Erfinder der Töpferei, des Wasserschöpfers, des Metate (Korn Mahlstein), der Haarbürste, des Kochlöffels und des Eimers. Nach Washington Matthews traten sie zum ersten mal in der vierten Welt auf. Und er fügt hinzu: „Sie gingen mit den Männern als die Geschlechter sich teilten und trieben Unzucht mit ihnen. Der erste Hermaphrodit war auch der erste Mensch der starb und wurde als Toter gesehen am Ort des Aufstiegs“. (Die Navajo sehen die Schöpfung der Welt als einen allmählichen Aufstieg. Von der ersten, bis zur jetzigen Welt, der Welt in der wir Leben. Nach ihrer Vorstellung ist dies die fünfte Welt. Die Wandelbare. Wobei der Ort des Aufstiegs als so etwas wie die Vagina der Erde zu sehen wäre?)*
Daraus erklärt, sich so Matthews, die Furcht der Navajo vor den Toten. Nach Matthews werden solch „abnormen Kreaturen“** (die Hermaphroditen und Transvestiten) von den Navajo als Verbündete des Todes betrachtet.
*Meine persönliche Vermutung
**Von mir in Anführung gesetzt
Sehr wenig, sagt Reichard, ist als wirkliches Wissen aus erster Hand zu erfahren, über die Transvestiten und Hermaphroditen. Es sieht sogar so aus, als ob es früher mehr von ihnen gegeben habe als heute. (Kein Wunder, man kann davon ausgehen das zu der Zeit als sich Gladys Reichard in der grossen Reservation aufhielt die wenigsten sich trauten zu outen).
Willard Williams Hill, 1902-1974. Erzählt in seinen Schriften von fünf „nàdleehe“ kennt aber aus persönliche Erfahrung nur einen.
(Aus dem mir hier vorliegenden Text geht nicht hervor das dies „tlà‘h“ war. Dem wohl berühmtesten „nàdleehe“.* Heute oft in dieser Schreibweise „Klà`h“. Es war wohl eher die hier später erwähnte „Kinipai“).
*„tlà‘h“ , verdient sein eigenes Kapitel, da ihre/seine Bedeutung weit über das hinaus geht, ein „nàdleehe“ zu sein.
Hosteen „tlà‘h“Nach Hill heißt es das „tlà‘h“, das nachdem die Navajo 1868 das Konzentrationslager am Bosque Rodendo im Fort Sumner verliessen, um in ihre Heimat zurückzukehren von feindlichen Ute überfallen wurden und „tlà‘h“ entmannten. Und das er deswegen zum Transvestiten wurde. Als Reichard ihn kennenlernte, ein paar Jahre vor seinem Tod, wirkte er auf sie wie jeder Navajo Mann. Seine Kleidung seine Stimme, seine Bewegungen. Er webte - unter den Navajos sind die Frauen die Weber - doch nur mit den Designs der heiligen Sandbilder, welche Teil seines professionelles Wissen waren („tlà‘h“ war Hatààli, das heißt Sänger, heute würde man Schamane sagen, obwohl die Sänger der Navajo eher Priester denn Schamanen sind). Sie ist sicher, sagt Reichard, da gab es keine Gerüchte über ihn, hinter vorgehaltener Hand, keine weiße Person hätte ihn als „abnormal“ erkannt.
Hill beschreibt dann die Rolle der „sexuell Abnormen“. Und gibt dann eine Beschreibung von „Kinipai“. Welche von sich behauptete sie sei eine wahre Hermaphroditin und wünsche als Frau behandelt zu werden. Hill beschreibt dann weiter, dass Kinder welche die Anzeichen von gegengeschlechtliches Verhalten zeigten, von den Navajo als glücksverheißend angesehen wurden. Und behandelt wurden als seien sie Favoriten. Das der Respekt ihnen gegenüber wuchs, je länger sie lebten. Es wurde ihnen nachgesagt, das sie Reichtum generieren würden. Reichard meint, dass „tlà‘h“ in diesem Sinne extrem clever gewesen, mit seiner Fähigkeit, aus beidem der Männerarbeit wie der Frauenarbeit seinen Vorteil zu ziehen. Er verdoppelte so seine Ressourcen, abgesehen davon, dass seine Tätigkeit als „Hatààli“ ihm ein erfolgreiches Leben sicherte.
Reichard stellt sich nun folgende Fragen, die sich aus den Schlüssen Hills ergeben. Woher kommt dieser Respekt gegenüber diesen doch offensichtlich „abnormen“ Menschen? War es weil Bisexualität zur Unterwelt gehört, war es weil sie verbunden ist mit Tod und anderen Formen des Bösen? Wird Transvestismus respektiert weil es nicht üblich und deswegen gefährlich? Seit den Tagen der unteren Welten gehören Tod und Reichtum, sexuelle „Abnormität“ in die Schublade der Dinge die gefährlich, sagt Reichard. Und weiter: Es sollte klargestellt werden, dass zum Beispiel „Kinipai“ begierig war über ihre eigenen sexuellen Erfahrungen und ihre Zauberei zu sprechen, aber Angst hatte über ihre Träume zu sprechen. (Dies gilt Reichard als Bestätigung ihrer Vorstellungen zu diesem Thema. Es ist ihr nicht klar, das sie ihr weißes Denken zu dem Thema auf die Navajo projiziert).
Hill sagt nun über „tlà‘h“, das dieser die Position des Hermaphroditen (gemeint ist damit der Gott Begochidy) im Navajo Navajo Pantheon rationalisierte. Möglicherweise tat er das, meint Reichard und sagt weiter: er rationalisierte viele Phasen der Navajo Religion und war sich mehr bewusst als viele andere „Hatààli“. Und besaß eine Bildung, in unserem Sinne, die sie nie bei einem anderen Navajo gefunden. (Reichard)
Soweit nun Gladys Reichard. Wenn man heute den Text liest hat man die Empfindung dass er aus einer anderen Zeit stammt. Ihr Buch wurde zwar in den Siebzigern des letzten Jahrhunderts publiziert. Aber die Texte stammen zum grossen Teil aus der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts. Sie hatte ja Hosteen Kl’ah („tlà‘h“) noch persönlich gekannt, und kann trotz aller Abneigung gegen diese „Abnormen“ Menschen, in diesem Text nicht verbergen, dass sie beeindruckt von ihr/ihm war.
Wie muss man sich die Bedingungen vorstellen, Anfang der dreissiger Jahre, als Gladys Reichard ihre Feldforschung im Gebiet des grossen Reservat auf dem Colorado Plateau durchführte?
Father Berard HaileMehr erfährt man, wenn man ihr 1934 veröffentlichtes Buch: „Spider Woman, A Story of Navajo Weavers and Chanters“ liest. Ich glaube sie hat die Navajo geliebt. Im Besonderen die Frauen und vor allem deren Stärke. Ein wundervolles Buch. Aber alles was mit den „Nàdleehe“ oder Hosteen „tlà‘h“ zu tun, war ihr wie den meisten ihrer Zeitgenossen unbegreiflich. Reichard war Quäkerin. Matthews war Offizier der US Armee. Er hatte im Norden gegen die Lakotah und gegen die Nez Percè gekämpft. Dann eine Hidatsa Frau geheiratet, mit der er auch einen Sohn gehabt haben soll. Er hat sich dann später nach Fort Wingate in Arizona versetzen lassen, um dann dort sein Studium der Navajo zu beginnen. Es ist klar, dass diese Pioniere der Ethnologie, wie ihre Kollegen die Missionare, wie z.B. Father Berard Haile, der wohl bedeutenste Ethnologe der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts, der sich mit den Navajo beschäftigte. Und ein grosser Teil seines Lebens unter den Navajo verbracht, dann das erste Alphabet der Navajo Sprache entwickelt und ihre Schöpfungsgeschichte aufgezeichnet, mit Sicherheit die Objekte seiner Forschung liebte. Aber Ihnen blieb jener Bereich den sie unter dem damals gebräuchlichen Begriff Berdache* zusammenfassten Fremd.
*Berdache, ist eine Namensgebung französischer Trapper für Männer und Frauen, die sich dem anderen Geschlecht zugehörig betrachteten. Der Begriff Berdache stammt aus dem persischen, fand seinen Weg ins Französische und bedeutet Lustknabe. Wurde aber bis vor einigen Jahren auch in der Wissenschaft gebraucht. Da man ja letztlich den Berdache unter „indianischer Perversion“ einordnete.
Literatur:
Gladys Reichard, „Navajo Religion, A Study of Symbolism“
Princeton University Press 1974
„Spider Woman, A Story of Navajo Weavers ans Chanters“
The Rio Grande Press. Inc. Fifht Printing 1981
W.W. Hill, „The Status of the Hermaphrodite and Transvestite in Navajo Culture“
American Anthropologist, Vol. 37, pp. 273-9. 1935
Washington Matthews. „Navajo Legends“
Memoirs of the American Folk-Lore Society, Vol. 5. 1897
Father Berard Haile, Leland C. Wyman.
„Blessingway“ The University of Arizona Press. 1970
Father Berard Haile, „Love-Magic and Butterfly People“, American Tribal Religions, Volume Two,
Museum of Northern Arizona, 1978 Seite 161-168
Clyde Kluckhohn, „Navaho Witchcraft“, Copyright, 1944 By the President and Fellowas of Harvard College
Published by arrangement with the Peabody Museum of Archelogy and Ethnology, Harvard University
Jean Lessenich, „Nun bin ich die niemals müde junge Hirschfrau oder der Ajilee-Mann“
edition suhrkamp, 1308, 1985
Paul G. Zolbrod.
„Auf dem Weg des Regenbogens“ Das Buch vom Ursprung der Navajo (Dinè bahane‘) München: Diederichs, 1988