Um die Rolle der Transidentische Menschen in einer Gesellschaft zu verstehen, muss man die Rolle der Frau in dieser verstehen. 1.Teil
„Die Frauen der Navajo, sind die,
die in ihrer Gesellschaft die Hosen anhaben.
Sie bearbeiten das Land, ziehen die Kinder auf,
schlachten die Schafe.
Bewahren die Kultur und die Traditionen.“
Billy Luther, Navajo Filmemacher
Foto: from „Miss Navajo“ a film by Billy Luther
Die Navajo Frauen waren immer schon das Herz des sozialen und ökonomischen Lebens der Navajo Gesellschaft, und kontrollieren so dieselbe. Die Frauen besitzen und besassen von jeher das Land, die Schafsherden, die der Ziegen, Rinder und Pferde. Und vererben diesen Besitz weiter an ihre Töchter die sie dafür trainieren, dies auch zu managen.
Die Stellung der Navajo Frau beruht auf Asdzaan Nadleehe (Changing Woman) der Personifizierung der lebenden Erde. Sie repräsentiert die verschieden Rollen eines Frauenlebens in der Navajo Gesellschaft, schuf die ersten Klans der Navajos, gab die Leitlinien des Miteinanders und begründete dadurch das matrilineare System. Und dies durch die wesentliche Zeremonie der Navajo Chantways, den Segnungsweg, das Hòzhò-ji. Das Rückgrat der Navajo Weltsicht. Sie richtete mit dieser Zeremonie die Himmelsrichtungen ein, schuf den Ablauf des Jahres wie des Tages, die Lebensalter aller Lebenden Wesen, das Haus der Navajo, den Hogan, dass an jedem Ort, das Zentrum des Navajo Universum verkörpert. Da dieses Haus sozusagen ein Mini Universum verkörpert. Mit seiner Tür nach Osten, seiner runden Form, mit seinen Pfosten in Richtung der Himmelsrichtungen ist es ein Abbild des Jahreskreises wie des Tageskreises.
All dies legte Asdzaan Nadleehe (Changing Woman) mit dieser ersten Zeremonie, dem Segnungsweg, der Weltschöpfungzeremonie fest. Sie gab jedem Ding, der Erde selber, den Bergen, den Tieren den Menschen, den Elementen, alles was ist, eine männliche und weibliche Form. Ebenso eine innere und äussere Form. Welche dann entweder weiblich oder männlich ist.
Foto: navajopeople.org/.../
So gibt es einen weiblichen, wie einen männlichen Wind. Ist der Wind weiblich so ist die innere Form des Windes männlich. Wandelt sich der sanfte weibliche Wind in einen Sturm so wird seine äussere Form männlich und seine innere Form weiblich.
Carolyn Epple lässt in, „A Navajo Worldview and Naadlèèhi“ ihren Informanten (D.B.) mit folgendem Satz zu Wort kommen: „Im Navajo Denken ist das männliche assoziiert mit Schutz und Aggression, das weibliche mit Kreativität, Fruchtbarkeit, Erfolg, Harmonie und dem Gleichgewicht des Hòzhò, der universellen Harmonie.“
Der Navajo Ethnologe Wesley Thomas sagt in dem Dokumentarfilm „Two Spirits“:
„Das erste Gender sei das weibliche, das zweite das männliche.“
Im Gegensatz zur christlichen Schöpfung, stammt die Frau, bei den Navajo nicht aus der Rippe Adams. Nach Wesley Thomas macht das auch den Unterschied zwischen dem Bewusstsein traditioneller Navajo Frauen und dem Bewusstsein europäischer und den weißen amerikanischen Frauen aus. Wesley Thomas sagt weiter: „Das weibliche Geschlecht ist das erste in der Navajo Schöpfung. Und damit etabliert es sich auch als das bestimmende Geschlecht in der Navajo Gesellschaft. Es ist also nicht nur zweckdienlich, sondern absolut notwendig für das weibliche Gender, bestimmend für die kulturelle Bestimmung der Frauen, und Sexes bei den Navajo. zu sein. Alles Leben kommt von der Erde und der Erdfrau, und die bestimmende weibliche Gottheit ist Asdzaan Nadleehe (Changing Woman)“. Ich denke deutlicher kann man es nicht sagen.
Daraus ergibt sich aber auch, dass das traditionelle Selbstbild der Transidetischen Menschen, des Nadleehe, bei den Navajo, zwangsläufig ein anderes ist als dass in unserer Gesellschaft übliche Selbstbild von Transsexuellen und Transidentischen Menschen. Natürlich ist mir klar das der Einfluss unserer kolonialistischen westlichen Zivilisation, nicht ohne folgen geblieben ist. Homophobie und Transphobie ist heute auch unter den Navajo zu finden. Nur das wirklich faszinierende an der Mentalität der Navajo ist, dass Tradition und Moderne kein Widerspruch sind. Ich glaube die Kraft liegt gerade in der Tradition. Es ist gerade so, dass diese Tradition ihre Kraft aus dem Wort Nadlèèhe, also Wandlung bezieht. Es ist kein Zufall, dass sie diese Welt in der sie Leben als „Wandelbare“ begreifen und das sie ihre Göttin, die Erde, als die „Wandelbare Frau“ benennen.
In „Art and Language in the Navajo Universe“ sagt Gary Witherspoon am Schluss seines inzwischen schon zum Standardwerk gewordenen Buches: „Es ist nicht überraschend, das Changing Woman, die absolute Essenz und Personifizierung von Regeneration, der Verjüngung, der Erneuerung und dynamischer Schönheit die Supreme-Mutter der Navajos ist, also die meist gesegnete, die meist verehrte und die absolut wohlwollendste der Götter ist. Und, bestimmend ist sie dadurch, dass sie das Kind des statischen männlichen sa’ ah naaghài sowie des aktiven weiblichen bik’eh hòzhò ist. Dies glaube ich, sagt Witherspoon, ist das Modell kreativer Synthesis, dass das Fundament dessen ist, welches als solches die ganze Navajo Kultur durchdringt.
In einer Gesellschaft wie die Unsere, also die westliche, weltbeherrschende Zivilisation, in der man Experten braucht um zu erklären was Glück, Liebe, Freundschaft und Zufriedenheit bedeuten, die den Sinn dieser Begriffe verloren, und dann erst lange Studien und Forschungsprojekte brauchen um diese Phänomene menschlichen Lebens zu verstehen. Ist es fast unmöglich jemanden klar zu machen was unter Hòzhò-ji zu verstehen ist. Dies ist der Grund, warum es Generationen von Übersetzern schwer fiel diesen grundsätzlichen Begriff der Navajo Weltsicht in unsere abendländischen Sprachen zu übersetzen. Man versuchte es mit Schönheitspfad, Segnungsweg, oder harmonische Konditionen oder ähnlichen Wortkonstruktionen. Es ist Witherspoons Leistung es als Synthese zu begreifen, die aus all den Begriffen besteht die der Mensch, unter einem glücklichen harmonischen Leben versteht.
Am besten lässt es sich über das Empfinden verstehen. Denn unsere Empfindungen sind das Element, was uns mit dieser Welt und den Navajo verbindet. Wenn man dann draussen ist, weit weg von allem was unsere heutige Existenz ausmacht, und das Erwachen des Tages, den Sonnenaufgang zur Jahresmitte dem Solstice, mit allen Sinnen erfährt, dieses erste feine Licht, die Stimmen der Tiere, der Vögel, der Frösche, das sich allmählich zu einem crescendo steigert. Die Navajo nennen es das erscheinen des Morgentauknaben, das Erwachen der Welt. Und damit nach Meinung der Navajo den Sinn unserer Existenz, die Hingabe ans Leben. An das Hòzhò.
Fotos: Kinaalda Ceremony, Dee Rambles A Lot
Foto: Kinaalda Ceremony, MeredithAurelia
Und dies ist der rechte Moment auf das zusprechen kommen, was eine der wichtigsten, bedeutendsten und heiligsten Zeremonien im Leben einer Navajo Frau ist: Die Kinaalda Zeremonie, in der über den Zeitraum von 4 Tagen das Mädchen zur Frau wird. Im allgemeinen findet diese Zeremonie nach der ersten Periode statt, und sie ist eine Rekonstruktion jenes mythischen Momentes, wo die Götter jenes kleine Mädchen in der Mitte der Welt fanden, die das Kind der Nacht und des Morgentauknabens ist. Eben das Kind von „sa’ ah naaghài bik’eh hòzhò“. Eben Asdzaan Nadleehe, Changing Woman. In vier Tagen wurde sie mit der Hilfe der Götter eine erwachsene Frau. Dies wird symbolisiert in dem sich das junge Mädchen, gekleidet in ihren feinsten Kleidern, vor Sonnenaufgang auf eine Decke legt in Richtung des Hogan, des Haus Einganges, und während dessen, mit Massagen ihrer Schwestern, Mütter, oder anderen weiblichen Verwandten, symbolisch gestreckt und gedehnt wird, damit sie schnell erwachsen und stark wird. Danach startet sie einen Lauf, wenn das erste Licht sich zart am östlichen Horizont zeigt, in Richtung Sonnenaufgang ca. eine viertel Meile hin und zurück. Dies wiederholt sich während der vier Tage jeden Morgen. Tagsüber darf sie nur eine spezielle Diät ohne Salz zu sich nehmen. Sie darf sich weder kämmen noch kleiden all diese Tätigkeiten liegen bei den Frauen die sie betreuen während dieser Zeremonie. Am letzten Abend bei Einbruch der Dunkelheit, singt der Hataali* die ersten 12 Hogan Lieder aus dem Hòzhò-ji und nach diesen Gesängen, geht es dann weiter mit Gesang und Tanz bis zum Sonnenaufgang, Wobei dann vor Sonnenaufgang dem Mädchen die Haare mit Yuccasud gewaschen und anschliessend mit Maismehl getrocknet. Dann startet sie ihren letzten Lauf bei dem sie von den Kindern begleitet wird, welches symbolisiert, das sie eine gute und starke Mutter werden wird. Wenn sie dann zurück kommt, ist dann die Zeit gekommen, wo der grosse aus Maismehl gebackene Kuchen serviert und alle an dem grossen Festmahl teilnehmen. Sie ist nun im Navajo Sinne eine sich selbstbestimmte Frau und zukünftige Matriarchin.
- Hataali, Sänger oder Medizin Person manchmal auch als Schamane bezeichnet.
Literatur:
1. Carolyn Epple, „A Navajo Worldview and Naadlèèhi:
Implications for Western Categories, in Two-Spirit-People, Native American Gender Identity, Sexuality, and Spirituality, University of Illinois Press 1997
2. Gary Witherspoon, „Language and Art in the Navajo Universe“
The University of Michigan Press 1977
3. Wesley Thomas (Navajo), „Navajo Cultural Constructions of Gender and Sexuality“ in Two-Spirit-People, Native American Gender Identity, Sexuality, and Spirituality, University of Illinois Press 1997
4.Kinaalda – Celebrating maturity of Girls among the Navajo
by NAVAJOBOY on DECEMBER 16, 2010,Navajo People - The Diné, Content for this site is provided by Harry Benally a Navajo Carver and Silversmith from Sheep Springs, New Mexico and Harold Carey a Navajo Historian from Malad City, Idaho.
- „Miss Navajo“ A film by Billy Luther, Distributed by